Große Koalition und Fehlzeiten im Betrieb: Vorstand diskutiert über tagesaktuelle Themen

VDMA Ost/TRUMPF

Aufbruch oder Stillstand – wohin führt die Große Koalition? Und wie können Unternehmen dauerhaft die Fehlzeiten von Mitarbeitern reduzieren? Darüber sprachen Fachexperten mit dem Vorstand.

Ende März 2018 traf sich der Vorstand des VDMA Ost bei der TRUMPF Sachsen GmbH in Neukirch/Lausitz. Die Mitglieder diskutierten unter anderem darüber, wie sich krankheitsbedingte Fehlzeiten im Unternehmen reduzieren lassen und worauf sich die Wirtschaft während der Großen Koalition einstellen muss.

Zunächst blickten die Vorstandsmitglieder jedoch während eines Betriebsrundgangs hinter die Kulissen des Gastgebers. Die TRUMPF-Gruppe gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Werkzeugmaschinen, Lasern und Elektrowerkzeugen. Die Wurzeln der TRUMPF Sachsen GmbH reichen dabei bis in das Jahr 1921 zurück. Heute entwickelt und produziert der Traditionsbetrieb am Standort Neukirch hochdynamische linearangetriebene Werkzeugmaschinen für die Laserstrahlbearbeitung sowie Automatisierungseinrichtungen für Laserschneidmaschinen, Stanz- und Kombimaschinen. Derzeit sind in der Lausitz etwa 450 Mitarbeiter angestellt. Besonders bemerkenswert: Fast 100 Beschäftigte befassen sich ausschließlich mit der Entwicklung innovativer Produkte.

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Große Koalition: Aufbruch oder Stillstand?

Nach einer kritischen Betrachtung aktueller Entwicklungen in Politik und Wirtschaft – wie der Handelspolitik der USA und des Tarifabschlusses in der Metall- und Elektroindustrie – richtete sich der Blick auf die Große Koalition. Noch nie zuvor hatten sich die Parteien so schwer getan mit der Regierungsbildung. Sechs Monate dauerte es, bis die Große Koalition stand.

Laut Andreas Rade, Geschäftsführer des VDMA-Hauptstadtbüros, wird die Regierung im Bündnis von CDU/CSU und SPD zwar fortgeführt – sie ist jedoch nur scheinbar die alte. Allein neun neue Personen gehören der Riege an. Ein "Weiter so" wie bisher werde es nicht geben. Einen echten Aufbruch sieht Rade hingegen auch nicht. Vielmehr erwartet er eine Zwischenzeit.

Das liege zum einen daran, dass sich auch die Regierungsparteien selbst neu justieren und bereits jetzt die Zeit nach der Großen Koalition im Visier haben. Die CSU werde zudem ihre Aktivitäten auf die Landtagswahl im Herbst 2018 ausrichten. Zum anderen hat Schwarz-Rot nur eine knappe Mehrheit im Bundestag – im Bundesrat hingegen weisen die Koalitionsparteien keine Mehrheit auf. Daher stellt sich die Frage, wie reformfähig die Große Koalition tatsächlich sein kann.

Umso wichtiger ist für den VDMA die Interessenvertretung auf Länderebene. Darüber hinaus rechnet Berlin-Experte Rade damit, dass innerhalb der Fraktionen mehr debattiert wird. Erste Kontakte hat der VDMA bereits geknüpft, um die Fraktionen stärker für die Belange der Wirtschaft sensibilisieren zu können, beispielsweise dafür, dass

  • Digitalisierung mehr als Infrastruktur bedeutet und auch die Arbeitswelt und IT-Sicherheit umfasst oder
  • die angestrebten Arbeitsmarktthemen mit starken Problemen für die Industrie verbunden sind.


Dass der Dialog zum Erfolg führt, zeigt ansatzweise der Koalitionsvertrag. So fordert der VDMA beispielsweise seit Langem Finanzierungshilfen für kleinere Exportgeschäfte – jetzt wurden die sogenannten Small Tickets in den Vertrag aufgenommen. Auch bei der steuerlichen Forschungsförderung ist man weiter vorangekommen. Dieser Punkt ist ebenfalls im aktuellen Koalitionsvertrag verankert, wenngleich noch nicht mit Zahlen unterlegt.


Fehlzeiten: Ursachen und Prävention

Viele deutsche Maschinenbauer blicken derzeit auf eine gute Auftrags- und Geschäftslage. Doch in vielen Unternehmen häufen sich die Fehlzeiten – das kann fatale Folgen haben. Die Vorstandsmitglieder diskutierten daher, wie sich die Betriebe wappnen und Fehlzeiten dauerhaft reduzieren können.

Im Durchschnitt fehlten deutsche Arbeitnehmer im Jahr 2017 19,4 Tage. Die drei häufigsten Diagnosegruppen waren Muskel-Skelett-Erkrankungen, Krankheiten des Atmungssystems sowie psychische Erkrankungen. Die Fehltage durch psychische Erkrankungen stiegen dabei in den vergangenen zehn Jahren konstant, insgesamt um fast 80 Prozent.

Valentin Pistrujew, Geschäftsführer der gmp Gesundheitsmanagement und Prävention GmbH aus Bautzen, stellte die Zusammenhänge zwischen Prävention und Krankheiten dar. Er verwies vor allem darauf, dass es keine linearen Beziehungen gibt. Fehlzeiten können dabei sowohl betriebliche als auch außerbetriebliche Ursachen haben. Unternehmenskultur, Unternehmensklima und Arbeitsplatzbedingungen spielen damit ebenso eine Rolle wie persönliche Krisen oder auf das soziale Umfeld bezogene Gründe.

Eine vertrauensvolle, motivierende Arbeitsatmosphäre sei das eine, äußerten einige Teilnehmer. Kritisch sei jedoch, wenn ein Unternehmer zusätzlich zu seinen originären Verpflichtungen immer mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen müsse, er sich beispielsweise vermehrt um die Grundbildung von Auszubildenden oder die zweckmäßige Ernährung der Mitarbeiter kümmern müsse.

Pistrujew verwies darauf, dass Führungskräfte heute sowohl fachliche als auch soziale Kompetenzen mitbringen müssen. Es sei ein neues Rollenverhalten und Führungsverständnis erforderlich. Dazu gehöre auch Empathie.

Ebenso könnten langfristig angelegte Maßnahmen helfen, Fehlzeiten dauerhaft zu reduzieren, darunter:

  • Identität stiften, da die größte Ressource das soziale Miteinander, die soziale Bindung ist
  • aktives Leben der Unternehmenswerte
  • Befähigung der Mitarbeiter, eigenverantwortlich mit der eigenen Gesundheit umzugehen
  • Befähigung des Unternehmens, sich in einem komplexen, dynamischen und wandelnden Umfeld zu behaupten (organisatorische Resilienz, um Stabilität zu verkörpern)
  • Betriebliche Gesundheitsförderung (Maßnahmen zur Gesundheitsförderung wie Stressmanagement sowie zur Verbesserung der Führungs- und Unternehmenskultur, des Betriebsklimas, der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf und der altersgerechten Arbeit)
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement (gesundheitsfördernde Strukturen und Prozesse)
  • Betriebliches Eingliederungsmanagement (Prävention und Diagnostik)


Gehaltserhöhungen als alleinige Motivationsquelle seien indes überholt. Doch nicht immer scheinen Maßnahmen wie die genannten zu fruchten, hieß es in der Runde. Vielmehr würden sie neue, immer höhere Erwartungen hervorrufen. Wichtig sei deshalb, ein Maßnahmenbündel zu gestalten und identitätsstiftende Faktoren wie Unternehmenswerte und Eigenverantwortung zu fördern.

Auch das Beratungsunternehmen Gallup befasst sich mit dem Engagement und der Motivation von Mitarbeitern. Es erstellt jährlich anhand von Fragen zum Arbeitsplatz und -umfeld den Engagement Index für Deutschland. Die jüngsten Ergebnisse liegen für 2016 vor.


Tendenzbefragung VDMA Ost

Einen spezifischeren Blick in die einzelnen Mitarbeitergruppen ermöglichte die Trendanalyse des VDMA Ost. Die Ergebnisse im Kurzüberblick:

  1. Gewerbliche Mitarbeiter fehlen am häufigsten. Sie leiden dabei vorrangig unter Kurzzeiterkrankungen, Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Verdauungserkrankungen.
  2. Nicht-gewerbliche Mitarbeiter und Auszubildende fallen ähnlich häufig aus.
  3. Die häufigsten Krankheitsbilder der nicht-gewerblichen Mitarbeiter sind die gleichen wie die der gewerblichen Mitarbeiter. Die Dauer des Ausfalls variiert jedoch. So leiden nicht-gewerbliche Beschäftigte häufiger an Kurzzeiterkrankungen wie Erkältungen sowie an Verdauungserkrankungen – sie fallen jedoch seltener aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen aus.
  4. Auffällig bei den Auszubildenden ist die vergleichsweise hohe Ausfallhäufigkeit aufgrund von Verletzungen im Freizeitbereich/Sportunfällen.


Bei den Fehlzeiten der Azubis war zudem zwischen den befragten Unternehmen eine besonders große Spannbreite zu beobachten. Mögliche Maßnahmen zur Reduzierung der Fehlzeiten sind:

  • die Fehlzeiten transparent auflisten und mit den Betroffenen konkret besprechen
  • verpflichtende betriebliche Regelungen schaffen zur telefonischen Meldung im Krankheitsfall – zum Beispiel Telefonat anstelle von E-Mail
  • die Auszubildenden dafür sensibilisieren, dass die Zulassung zur IHK-Zwischenprüfung an eine maximale Anzahl von Krankheitstagen gekoppelt ist
  • betriebliche Benefits an Anwesenheiten koppeln


Ihr Kontakt zum VDMA-Landesverband Ost

Sie haben Fragen und Anregungen zur Vorstandsarbeit oder zu den erörterten Themen? Sprechen Sie uns bitte an:
Reinhard Pätz, VDMA Ost: Telefon 0341 521160-13, E-Mail

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